KI als Augenersatz – wie Künstliche Intelligenz blinde Menschen im Alltag unterstützt

Ein Blindenhund geht mit einer Frau über die Straße

Inhalt

KI erkennt Texte, Objekte oder Personen und liest Inhalte direkt vor – viele blinde Menschen nutzen dafür Smartphone-Apps mit Kamera.

Kurz & bündig

Frage: Wie kann Künstliche Intelligenz blinden oder stark sehbehinderten Menschen helfen – und welche Tools gibt es dafür?
Antwort: Künstliche Intelligenz (KI) kann heute Texte vorlesen, Gegenstände erkennen, Wege beschreiben und sogar Gesichter ankündigen. Viele blinde Menschen nutzen dafür das Smartphone, eine spezielle Brille oder einfache Apps, die mit ihnen sprechen. Die Technik wird immer besser – und lässt sich meist ganz einfach per Sprache bedienen.

Was kann KI für Menschen mit Sehbehinderung leisten?

Für Menschen mit Sehbehinderung geht es im Alltag oft um eines: Orientierung, Selbstständigkeit und Teilhabe. Künstliche Intelligenz kann in vielen kleinen Situationen helfen, genau das zu ermöglichen – ohne dass dafür komplizierte Technik notwendig ist.

  • Texte erkennen und laut vorlesen: Das betrifft alles von Briefen über Verpackungen bis hin zu Straßenschildern. Die Kamera erkennt, wo Text ist – die App liest ihn automatisch vor.
  • Gegenstände und Farben unterscheiden: Ob es sich um eine Banane oder einen Apfel handelt, welche Farbe eine Hose hat oder wo der eigene Einkaufsbeutel steht – KI-Apps helfen beim Erkennen alltäglicher Dinge.
  • Wege erklären und vor Hindernissen warnen: Navigationsfunktionen mit KI können nicht nur sagen, wo man ist, sondern auch Hinweise geben wie: „Vorsicht, Treppe“ oder „Fußgängerampel in 10 Metern“.
  • Gesichter oder bekannte Personen ankündigen: Einige Tools erkennen sogar, wer den Raum betritt – und teilen per Stimme mit, ob es sich zum Beispiel um ein Familienmitglied oder einen Kollegen handelt.
  • Digitale Assistenten steuern: Sprachassistenten wie Siri oder Google Assistant helfen beim Vorlesen von Nachrichten, bei Kalendereinträgen oder beim Starten von Hörbüchern – ganz ohne Tasten.
Viele dieser Anwendungen sind in kostenlosen Apps oder sogar direkt im Smartphone eingebaut. Sie nutzen die Kamera, das Mikrofon und eine künstliche Intelligenz im Hintergrund – du selbst brauchst nur deine Stimme oder einen einzigen Fingertipp.

Wozu das Handy heute schon fähig ist

Viele entdecken: Das eigene Telefon kann Texte vorlesen, Szenen beschreiben und bei Bedienfeldern helfen.

iPhone (iOS)

  • VoiceOver: Screenreader für die komplette Bedienung – mit Gesten und gesprochenen Hinweisen.
  • Lupe (Magnifier): Kurztext & Dokumente vorlesen, Hinweise an Türen; auf neueren Pro‑Modellen zusätzlich Point and Speak (du zeigst mit dem Finger, das iPhone nennt die Taste).
  • Siri & Diktat: „Lies meine letzte Nachricht vor“, „Starte Lupe“, „Erinnere mich um 15 Uhr“.

Android

  • TalkBack: Screenreader mit Sprachführung, Lesesteuerung und On‑screen‑Brailletastatur.
  • Lookout: Kurztext, Dokument‑Scan mit akustischer Ausrichtung, Etiketten/Barcodes, Euro‑Scheine, Szenenbeschreibung (teils mit Rückfragen).
  • Assistant & Diktat: „Öffne Bedienungshilfen“, „Starte Lookout“, „Suche nach …“
Frau L., 70:
„Ich sage nur: ‚Hey Siri, starte Lupe‘ – die Zutatenliste wird sofort gelesen.“
Herr W., 60:
TalkBack führt mich durch die Menüs. Und mit Lookout finde ich die richtige Suppe im Schrank.“

Bekannte Tools und Geräte mit KI-Unterstützung

Tool / App Funktionen (Kurzfassung) Sprache Kosten (Stand 2025)
Be My Eyes Live-Hilfe durch Freiwillige + KI-Bildbeschreibung („Be My AI“) Deutsch & Englisch Kostenlos (KI nur mit Anmeldung)
Seeing AI (Microsoft) Texterkennung, Objekterkennung, Gesichtserkennung Deutsch verfügbar Kostenlos
Lookout (Google) Texterkennung, Produktscanner, Szenenbeschreibung Deutsch verfügbar Kostenlos
OrCam MyEye Mini-Kamera an der Brille – liest Texte, erkennt Gesichter Deutsch ab ca. 4.500 € (einmalig, Gerät)
Envision AI App & Brille mit Echtzeit-Bildauswertung, Spracheingabe Deutsch & Englisch App: kostenlos mit In-App-Käufen
Brille: ab ca. 3.500 €

Was diese Hilfsmittel im Alltag wirklich leisten können

Viele Menschen, die schlecht sehen oder gar blind sind, stehen im Alltag vor ähnlichen Herausforderungen: Texte auf Verpackungen lesen, Straßenschilder erkennen, Gesichter unterscheiden oder einfach verstehen, was um sie herum passiert.

Die vorgestellten Tools nutzen Künstliche Intelligenz, um genau dabei zu helfen – teils per App, teils mit speziellen Geräten. Hier ein paar Beispiele, wie das im Alltag aussieht:

Be My Eyes verbindet dich auf Knopfdruck mit einem freiwilligen Helfer oder – neuerdings – direkt mit einer KI. Du hältst dein Handy auf ein Objekt, ein Gerät oder einen Text – und bekommst eine direkte Beschreibung. So lässt sich etwa ein Etikett auf einer Medikamentenpackung erkennen oder der Unterschied zwischen zwei Dosen im Vorratsschrank klären.
Seeing AI von Microsoft kann dir Texte vorlesen, Personen erkennen oder sogar die Stimmung in einem Gesicht beschreiben. Besonders praktisch: Du brauchst keine Internetverbindung für alle Funktionen – das macht die App auch unterwegs zuverlässig.
Lookout von Google funktioniert ähnlich und ist besonders gut für Android-Geräte geeignet. Die App erkennt z. B. den Inhalt von Briefen, Preisschildern oder Verpackungen und liest sie vor – ideal beim Einkaufen oder in der Post.
OrCam MyEye ist ein kleines Gerät, das an der Brille getragen wird. Es liest gedruckten Text laut vor, erkennt Gesichter, Geldscheine und sogar Produkte – ganz ohne Internetverbindung. Diese Lösung ist besonders geeignet für Menschen, die viel unterwegs sind oder keine App bedienen möchten. Allerdings ist sie deutlich teurer als Smartphone-Lösungen.
Envision AI kombiniert eine App mit einer speziellen Brille. Die Brille erkennt in Echtzeit, was vor dir liegt – und liest es dir direkt ins Ohr. Wer ein Smartphone sicher bedienen kann, kann aber auch mit der kostenlosen Envision-App starten.

Was macht hier eigentlich KI?

  • Die Apps analysieren das Kamerabild in Echtzeit
  • Sie erkennen Muster, Textarten oder Gesichter
  • Die KI lernt laufend dazu – z. B. bei Lichtverhältnissen oder Spracheingaben
  • Neue Tools wie GPT-4 oder „Be My AI“ beschreiben ganze Szenen („Du stehst vor einem blauen Haus mit weißem Briefkasten“)
Beispiel
Eine blinde Frau hält ihr Handy auf ein Schild. Die App erkennt: „Apotheke – geöffnet bis 18:30 Uhr“ – und liest es ihr direkt vor.

Für wen sind diese Tools sinnvoll?

  • Für vollständig blinde Menschen – z. B. mit OrCam oder Be My Eyes
  • Für stark sehbehinderte Nutzer – z. B. mit Texterkennung auf dem Handy
  • Für ältere Menschen mit altersbedingter Sehschwäche
  • Für Angehörige, die Sehbehinderten durch passende Technik helfen wollen

Alltagsszenen – wie KI konkret hilft

Beispiel
Herr M., 74, ist vollständig blind. Mit Be My Eyes fragt er per Kamera, ob sein Joghurt noch haltbar ist. Die App liest das Datum vor.
Beispiel
Frau M., 67, hat Makuladegeneration. Sie nutzt Seeing AI, um Briefe zu lesen. Sobald sie das Blatt unter die Kamera hält, beginnt die App automatisch zu sprechen.
Beispiel
Ein Schüler mit Sehbehinderung nutzt die Envision Glasses. Wenn er in den Klassenraum kommt, kündigt die Brille automatisch an: „Frau Becker sitzt vorne am Fenster.“

Datenschutz & Verantwortung

  • Be My AI erklärt, dass die Bilder nicht dauerhaft gespeichert werden
  • Microsofts Seeing AI speichert keine Fotos
  • Nutzer:innen können meist einstellen, ob Daten geteilt werden
Tipp:
Bei sensiblen Inhalten wie Briefen oder Kontoauszügen lieber Offline-Funktionen (z. B. OrCam oder Lookout) nutzen.

Fazit

Künstliche Intelligenz ist für blinde Menschen kein Luxus, sondern ein Alltagshelfer. Sie ersetzt kein menschliches Augenlicht – aber sie kann Türen öffnen, Texte lesbar machen und neue Unabhängigkeit schaffen. Besonders gut: Viele Lösungen sind kostenlos auf dem Handy verfügbar.

Glossar

Begriff Erklärung
OCR „Optical Character Recognition“ – Texterkennung mit Kamera
Objekterkennung KI erkennt, was auf einem Bild zu sehen ist (z. B. Tasse, Briefkasten)
Screenreader Software, die Bildschirminhalte laut vorliest
TalkBack / VoiceOver Eingebaute Vorlese-Funktionen für Android bzw. iOS
OrCam / Envision Geräte mit Mini-Kamera + KI, die sehen und sprechen
Künstliche Intelligenz (KI) Systeme, die Muster erkennen und daraus lernen

Vertiefende Informationen & empfohlene Quellen

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