Die visuelle Inflation – wenn Kreativität unendlich wird

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Die visuelle Inflation

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150 Jahre Fotografie-Geschichte wurden in nur einem Jahr wiederholt. Ein Blick auf eine historische Explosion.

Kurz & bündig

Frage: Werden wir von künstlichen Bildern überflutet?

Antwort: Ja, und das Ausmaß ist historisch beispiellos. Während die Menschheit von der Erfindung der Kamera (1826) bis 1975 brauchte, um die ersten 15 Milliarden Fotos zu knipsen, haben KI-Generatoren dieselbe Menge in nur einem einzigen Jahr (2023) erstellt. Wir erleben den Übergang von einer Welt der „knappen“ Bilder zu einer Welt der „unendlichen“ Bilder.

Vom kostbaren Moment zur Massenware

Erinnerst du dich an den chemischen Geruch von Entwicklerflüssigkeit oder das vorsichtige Einlegen eines 24er-Films in die Kamera? Jedes Bild kostete Geld. Du hast genau überlegt, bevor du auf den Auslöser gedrückt hast. Ein Foto war ein Dokument der Realität.

Heute stehen wir vor einer Zäsur, die ähnlich bedeutend ist wie die Erfindung des Buchdrucks. Doch diesmal geht es nicht um Worte, sondern um unsere visuelle Welt. Neue Daten zeigen, dass wir die „Schallmauer der Kreativität“ durchbrochen haben.

Die unglaubliche Zahl: 15 Milliarden

Eine aktuelle Analyse von Tech-Historikern und Datenforschern (u.a. Everypixel Journal) hat Erstaunliches zutage gefördert:

  • 📸 Die analoge Ära: Von der ersten Fotografie im Jahr 1826 bis zum Jahr 1975 vergingen 150 Jahre. In dieser langen Zeitspanne produzierten Fotografen weltweit kumuliert etwa 15 Milliarden Bilder.
  • 🤖 Die KI-Ära: Seit dem Durchbruch von Bild-Generatoren wie Midjourney, DALL-E und Adobe Firefly im Jahr 2022 wurden in nur einem Jahr mehr als 15 Milliarden KI-Bilder erstellt.

Was früher Generationen von Künstlern und Fotografen beschäftigte, erledigen Serverfarmen heute nebenbei. Täglich kommen etwa 34 Millionen neue KI-Bilder hinzu.

Warum explodiert die Menge jetzt?

Der Grund ist das Wegfallen von Barrieren. Früher brauchtest du für ein Ölgemälde jahrelanges Training und teure Farben. Für ein gutes Foto brauchtest du eine Kamera und das richtige Licht.

Heute sind die „Grenzkosten der Kreation“ effektiv auf Null gesunken. Ein Textbefehl („Ein Astronaut reitet auf einem Pferd im Stil von van Gogh“) genügt, und Sekunden später existiert das Bild. Es kostet kein Material, kaum Zeit und kein handwerkliches Können – nur Fantasie.

Beispiel: Adobe Firefly
Alleine das Tool „Adobe Firefly“, das in Photoshop integriert wurde, generierte in seinen ersten drei Monaten nach Start über 1 Milliarde Bilder. Das zeigt: Sobald das Werkzeug einfach verfügbar ist, nutzen es die Menschen massenhaft – nicht nur Künstler, sondern jeder.

Die kulturelle Folge: Das Ende des „Beweisfotos“

Diese Flut hat eine Schattenseite. Über 150 Jahre lang galt der Satz: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ – und wir gingen davon aus, dass es die Wahrheit sagt. Fotos waren Beweise.

In einer Welt, in der 15 Milliarden täuschend echte Bilder pro Jahr aus dem Nichts entstehen, verliert das Bild seinen Status als Dokument. Wir müssen lernen, Bildern mit derselben gesunden Skepsis zu begegnen wie Texten. Ein Foto ist heute keine Aufnahme der Realität mehr, sondern oft nur eine „visuelle Meinung“.

Gibt es Hoffnung auf Wahrheit? Der Kampf um das digitale Siegel

Wenn wir mit bloßem Auge nicht mehr erkennen können, ob ein Bild echt ist, muss die Technik helfen. Große Konzerne wie Google, Meta und Adobe arbeiten derzeit fieberhaft an Lösungen. Doch es ist ein Hase-und-Igel-Rennen.

1. Das unsichtbare Wasserzeichen (Google SynthID)

Google hat eine Technologie namens SynthID entwickelt. Dabei wird kein sichtbares Logo über das Bild gelegt, sondern ein für uns unsichtbares Muster direkt in die Pixel eingewoben (wie ein digitales Rauschen). Eine spezielle Software kann dieses Muster später auslesen und sagen: „Achtung, dieses Bild kommt von einer KI.“

2. Der digitale Reisepass (C2PA / Content Credentials)

Noch wichtiger ist der Industriestandard „C2PA“. Stell dir das wie einen digitalen Reisepass vor, der fest an die Datei getackert ist. In diesen Metadaten steht: „Erstellt mit Kamera X“ oder „Generiert mit DALL-E“. Klickst du auf ein Symbol am Bildrand, siehst du die komplette Historie des Bildes.

Das Problem: Die „Canva-Lücke“

Doch diese Sicherheitsmaßnahmen haben eine massive Schwachstelle: Sie sind zerbrechlich.

Warum Siegel brechen
Was passiert, wenn du ein KI-Bild mit Wasserzeichen nimmst, es in ein einfaches Grafikprogramm lädst (das den Standard nicht unterstützt), einen Filter darüberlegst und neu abspeicherst?
Meistens verschwindet das Siegel. Die Metadaten werden gelöscht, das Wasserzeichen durch die Bearbeitung zerstört.
Noch banaler: Ein simpler Screenshot vom Bildschirminhalt genügt oft, um alle digitalen Beweise abzustreifen. Das Bild ist dann „gewaschen“ und seine Herkunft nicht mehr nachweisbar.

Die Zukunft: Beweislastumkehr

Experten gehen davon aus, dass wir den Kampf „Fakes erkennen“ verlieren werden. KI wird zu gut. Deshalb wird sich die Logik bald umkehren:

Wir werden nicht mehr nachweisen, was falsch ist. Wir werden nachweisen müssen, was echt ist. Kamerahersteller wie Nikon oder Leica bauen bereits erste Kameras, die jedem Foto direkt beim Auslösen eine fälschungssichere, kryptografische Signatur verpassen. In Zukunft gilt vielleicht: Nur ein Bild mit digitalem Echtheits-Zertifikat wird als Nachricht akzeptiert. Alles andere gilt pauschal als unsicher.

Chance oder Entwertung?

Ist das nun das Ende der Kunst? Pessimisten fürchten, dass menschliche Werke in der Flut untergehen. Optimisten sehen es anders:

Wenn die Erstellung eines Bildes nichts mehr „kostet“ (an Mühe), dann wird die Idee dahinter umso wertvoller. Die Technik demokratisiert die Kunst. Wer nicht zeichnen kann, aber blühende Fantasie hat, kann diese nun endlich sichtbar machen. Wir erleben keine Abschaffung der Kreativität, sondern ihre Befreiung von der handwerklichen Hürde.

Quellen & Weiterführende Links

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